Afghanistan und was wir daraus lernen müssen!

01.09.21 –

Weder die Rettung von zehntausenden Europäern und Afghanen aus dem Kessel von Kabul noch die Beteuerungen, dass wir im Land selbst, im Angesicht der Niederlage, doch etwas bewirkt hätten, täuscht darüber hinweg, dass wir, Amerikaner und Europäer, in Afghanistan auf ganzer Linie gescheitert sind. Verständlich ist nun die Stunde derer, die zurecht darauf hinweisen, dass es sich um ein Desaster mit langer Ansage handelt. Unklare Ziele, unterschiedliche Strategien, chaotische Zuständigkeiten und mangelhafte Abstimmung waren seit 2001 prägende Elemente dieses unpopulären Einsatzes. Was wir jetzt brauchen, ist mehr als kluge Reflexionen auf die Vergangenheit. Das Versagen des Westens, der nach zwei Jahrzehnten Krieg und im Angesicht tausender toter Soldaten, unzähliger Opfer in der Zivilbevölkerung sowie milliardenschwerer Entwicklungshilfe das Land wieder jenen radikalen Islamisten überlässt, die man vor 20 Jahren entmachtet hat, muss zu nichts weniger führen als einer weitgehenden Neuausrichtung der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik. Mag der Ruf nach politischer Verantwortung auch richtig sein, dieser verblasst jedoch angesichts der Notwendigkeit zu klären, wie wir in Zukunft Sicherheit und Stabilität definieren und wie, mit wem und womit wir diese sichern wollen. Schon jetzt ist klar, dass nicht nur das Vertrauen in die USA und seinen Präsidenten erschüttert ist, was dort bereits im November 2022 bei den "Midterm Elections" zu einem erstarken der europaskeptischen Republikaner führen kann, sondern dass auch die Autokratien China und Russland durch diesen Fehlschlag westlicher Konzepte international aufgewertet wurden.


Der Strudel des unkoordinierten Rückzugs voller Hektik und Opfer hat uns Europäern schmerzlich die Abhängigkeiten bei der Verteidigung unserer Interessen vor Augen geführt. Die Gefahr lauert heute nicht mehr darin, dass uns die USA zukünftig zu viel abverlangen werden, sondern in der Tatsache, dass wir handlungsunfähig sind, wenn Washington sich von unseren Interessen abwendet. Die Antwort darauf kann nur ein gesunder und freundschaftlicher Emanzipationsprozess sein. Wir brauchen dringlich eine echte Vertiefung und Stärkung der Koordinierungsinstrumente von europäischer Krisendiplomatie, die nur in einer echten Ertüchtigung der politischen Union Europas gelingen kann. Wenn uns der chaotische Abgesang in Afghanistan etwas aufgezeigt hat, dann ist es die strukturelle Schwäche unseres bisherigen Ansatzes von "Vernetzter Sicherheit", der zwischen europäisch-nationalstaatlichen Egoismen und dem Ungleichgewicht in der transatlantischen Sicherheitsarchitektur zerrieben wurde. Antwort darauf ist nicht der Ruf nach Auflösung der NATO, sondern die Entwicklung einer ernst zu nehmenden europäischen Außen- und Sicherheitspolitik als Grundlage eines westlichen Sicherheitsdiskurses, der auch die Frage nach integrierten europäischen Streitkräften nicht tabuisieren darf. Damit könnte das Fundament einer werteorientierten westlichen Sicherheitskooperation auf Augenhöhe gelegt werden.

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